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22./23. März 1939 Hitler in Memel - 2 Augenzeugen berichten

22./23. März 1939 Hitler in Memel
2 Augenzeugen berichten

22. März 1939. Die Lehrerin kam mit Verspätung in die Klasse und schickte uns freudig erregt nach Hause: „Kinder geht schnell und zieht die Fahne hoch. Der Führer kommt.“ Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Führer war. So schnell ich konnte, rannte ich los und schrie schon an der Küchentür: „Wo ist die Fahne? Der Führer kommt!“
Die Eltern blieben ungerührt, als ginge sie das gar nichts an. Über ihre merkwürdige Reaktion machte ich mir keine Gedanken. Ungeduldig stand ich daneben und hielt endlich das grün-weiß-rote Tuch in den Händen. Mein Bruder Martin half mir am Flaggenmast vor dem Haus beim Hochziehen, und es sah lustig aus, wie alle Häuser nach und nach mit diesen bunten Tüchern geschmückt wurden.
(Heute wundere ich mich über den Flaggenmast. Vor nahezu jedem Haus stand einer. Gegenwärtig käme wohl kaum jemand auf die Idee, vor seinem Haus eine Fahne zu hissen. Es sei denn, er ist ein Ami und lebt in den USA. Dort ist es gang und gäbe.)

In den Schaufenstern der Geschäfte in der Mühlenstraße standen plötzlich Bilder und kleine Fähnchen, Girlanden und Blumen. Der Mann, den die Bilder zeigten, sollte der Führer sein, so erklärte man es uns Kindern. Na gut. An vielen Häusern hingen Fahnen, die ich nicht kannte.
Rote, mit einem weißen Kreis und darin ein schwarzes Kreuz mit Haken an den Enden. Einige waren riesengroß. Wo hatten die Leute nur diese Fahnen her?

Ich machte mich zur Bushaltestelle auf und sah eine Kolonne braun-unifomierter Männer. Nie zuvor hatte ich die gesehen. Am Verwaltungsgebäude des Eksportas löste sich die Kolonne unverhofft auf, die Männer stürzten auf die Eingänge zu und besetzten das Haus. Verwirrt schauten Angestellte aus den Fenstern.
Andere Braune hatten grün-unifomierte litauische Polizisten in die Mitte genommen, trugen Waffen in den Händen und manche stießen Zivilisten vor sich her. Ich fand das ganz in Ordnung, denn von zweien aus der Nachbarschaft hieß es, sie seien litauische Geheimpolizisten.
Unser Kaufmann an der Ecke räumte seinen Laden aus und vor dem Schaufenster standen zwei weiße große Zuckersäcke bis an den Rand mit Bonbons gefüllt: „Los Kinder, greift zu!“
Freundlich lächelnd stand er daneben. Seine Frau schien nicht einverstanden zu sein, ich dachte, sie müsse sich die Bonbons von der Seele reißen, denn sie machte ein furchtbar ernstes Gesicht. Ich traute mich gar nicht an die Herrlichkeiten heran, aber er winkte mir zu und schaufelte mir die Hände voll.
Am nächsten Tag war der Laden ausgeräumt, die Besitzer abgereist. Es waren Juden.

Am 23. März fuhr ich zum erstenmal mit dem Bus in die Stadt, ohne zu bezahlen. Kein Mensch wollte Fahrgeld, und ich geriet den Erwachsenen zwischen die Beine. Alle sprachen aufgeregt und durcheinander: „Der Führer kommt, der Führer kommt!“ Am Stadttheater war alles abgesperrt. Vorne an der Straße standen Männer in schwarzen Uniformen. SD stellte jemand sachkundig fest. Zwischendurch sah ich SA-Leute, aber die interessierten mich nicht. Ich wollte Soldaten sehen und suchte mir einen anderen Platz. Immer und überall versperrten die Erwachsenen die Sicht. Manche Straßen waren wie ausgestorben, andere so voll, als wäre aus jedem Pflasterstein ein Mensch geworden. Dann hörte ich, der Führer käme mit einem Schlachtschiff am Kriegshafen an. Das wollte ich unbedingt miterleben. Ein Schlachtschiff! Unterwegs wurde daraus ein Zerstörer. Darunter konnte ich mir nichts vorstellen, - unter einem Schlachtschiff natürlich auch nicht, in jedem Fall musste es aber riesengroß sein -, und ging wieder zurück, drängte mich durch die Leute und stand neben einem SD-Mann am Theaterplatz und wartete, wartete, wartete. Endlich kam er und hielt vom Balkon des Theaters eine Rede. Die Menschen jubelten und brüllten wie verrückt, und ich schrie mir die Seele aus dem Leib. Einfach nur so. Alle schrieen sie ja, warum nicht auch ich.
Als ich schon nicht mehr daran glaubte, begann dann doch der Vorbeimarsch. Zuerst die Infanterie mit ihrer Musikkapelle, dann die Marine, dahinter die SS und die SA. Die HJ-Jungen und BDM-Mädchen in ihren Uniformen hatte ich nie zuvor gesehen. Wo die bloß alle herkamen? Jubel ohne Ende. Ich bekam Hunger, rannte dennoch umher und wünschte, dass dieser lustige Tag kein Ende nähme.
Es dunkelte schon, als ich mich durch die Menschenmenge zur Bushaltestelle hindurchwand. Immer wieder wurde ich in eine andere Richtung gedrängt. Plötzlich sah ich roten Schein. Feuer! Ich zwängte mich durch die Menge nach vorn und stand neben einem alten Muttchen.
In einem mehrstöckigen Haus brannte das Erdgeschoß. Bänke und Stühle, Tische und Schränke lagen wüst durcheinander auf der Straße. Eine Anzahl unifomierter Männer standen dabei und ließen niemand heran. Ich hörte das Muttchen schluchzen: „Die armen Leute haben doch nichts getan. Was machen die da noch im Haus?“
Ich boxte mich durch die Menschen hindurch und erwischte auch einen Bus. Viel zu spät kam ich nach Hause aber meine Eltern, die sich anscheinend nicht aus dem Haus bewegt hatten, fragten weder, wo ich so spät herkam noch wo ich gewesen war. An diesem 23. März 1939 war ich gerade mal 7 ¼ Jahre alt.

Vor 14 Jahren bekam ich die Erinnerungen an diese Tage zu Gesicht, die Erich Kussau, ein Freund meines Vaters, verfasst hat

„Memel, die älteste Stadt in Ostpreußen, gehörte seit 1252 zum Deutschen Reich mit seinen Vorläufern, Deutscher Orden und Preußen. Im Januar 1923 annektierte die Republik Litauen das Gebiet, bis dahin war es nie litauisches Territorium gewesen.
So sahen wir Memelländer mehrheitlich in den Tagen die Rückgliederung nicht als einen Zwangsakt, wie es manche litauische Historiker ausdrücken, sondern als Erfüllung des Wunsches, wieder Ostpreußen zu sein, wie früher; auch ich bin 1911 zu Kaiser Wilhelms Zeiten geboren.
Daß wir bald in den großen Weltenbrand hineingerissen würden, ahnte kaum jemand, rückblickend darf man dennoch sagen, wieder zum Reich zu gehören, verschonte viele Memelländer vor blutigen Jahrzehnten brutaler Sowjetherrschaft, wie sie Großlitauen erfahren musste.

Wie habe ich die Märztage 1939 erlebt?
Mit 27 Jahren stand ich kurz vor meiner Heirat. Ahnte ich etwas von dem kommenden Geschehen? Das ist schwer zu sagen, obwohl man nach der Aufhebung des Kriegszustandes durch die litauische Regierung am 1. November 1938 manche Veränderungen wahrnahm.
Sichtbar waren es: die Wiederaufstellung der 1923 gestürzten Denkmäler Kaiser Wilhelms, Friedrich des Großen und der Borussia, Fackelzüge und die abendlichen Märsche der deutschen Verbände mit Gesang, unifomiert wie die SA im Reich, aber ohne Hakenkreuzbinden und die Beflaggung der Häuser mit den memelländischen Farben grün-weiß-rot. „Es lag etwas in der Luft, aber was und wann? Da ich der pietistisch geprägten Christlichen Gemeinschaft (St. Chrischona) angehörte. war ich in keinen der Verbände eingetreten, so musste ich nicht abends durch die Straßen marschieren.

Was mich mit Braut und Schwester am Abend des 21. März bewog, in Richtung Kaserne, Plantage spazieren zu gehen, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls waren wir überrascht, wir konnten das Bahngleis Memel-Bajohren in der Moltkestraße, südlich der Kaserne, nicht überschreiten. Es war gesperrt, durch eine Kette von Güterwagen, die von litauischen Soldaten beladen wurden, eifrig schleppten sie aus der Kaserne allerlei Gegenstände heran. Was das bedeutete, ahnten wir nicht, komisch schien es uns, dass man nicht an der Rangierrampe des weiter östlich gelegenen Bahnhofs verlud. So mussten wir unseren Spaziergang abbrechen.

Am Mittwochmorgen, dem 22. März, machte ich mich nach ½ 8 auf den Weg zur etwa 2 km entfernten Zellstofffabrik, wo ich als Buchhalter arbeitete. In der Mannheimer Straße (heute: Galinio Pylimo gatvé) traf ich unseren Chefchemiker, der auch zu Fuß zur Arbeit ging. Hier fiel uns auf, dass einige Häuser geflaggt hatten.
Dabei dachten wir uns nichts, aber in der Friedrichs-Rhede, wo auf der westlichen Straßenseite die niedrigen Arbeiterwohnhäuser des Werkes standen, reißt eine Frau das Fenster auf und ruft begeistert: „Herr Doktor, wir sind deutsch!“ Die Nachricht war soeben im Rundfunk durchgegeben, immer mehr Fenster öffneten sich, grün-weiß-rote Fahnen wehten, es war e i n J u b e l !
Was ich empfand, kann ich nach fast 60 Jahren nicht genau sagen, überwog die Überraschung die Freude, oder war es umgekehrt? Mein Begleiter und ich hatten die Nachricht erst aus „zweiter Hand“ gehört, sie war zu gewaltig, als dass ich sie sofort in ihrer Bedeutung völlig erfasste. Bald hatten wir das Verwaltungsgebäude – der rote Ziegelbau steht noch heute – erreicht, wo wir die Arbeitskollegen in heftiger, aber fröhlicher Debatte vorfanden: „Endlich – wieder deutsch!“; denn fast alle hatten das Kaiserreich bis 1918 erlebt.
An Arbeiten war nicht zu denken, bald kam der kaufmännische Direktor ins Werk, sein Entscheid: „Arbeitsfrei!“ Wie lange, sagte er nicht, am 23. gingen wir auch nicht zur Arbeit, aber doch am Freitag, den 24. März. Wieweit der Fabrikationsbetrieb eingestellt wurde, entsinne ich mich nicht, wahrscheinlich blieben nur das Kesselhaus unter Dampf und damit auch E-Werk, Zellstoff- und Papiermaschinen liefen entsprechend aus.
Die Skepsis des Revisors der Aschaffenburger Zellstoffwerke AG Berlin, der in den Tagen im Hause war, konnten wir nicht verstehen, die Aktiengesellschaft für Zellstoff- und Papierfabrikation Memel gehörte diesem Unternehmen als Auslandstochter an. Seine politische Meinung interessierte uns an diesem Morgen nicht weiter, wohl aber die Frage: „Wann kommen die deutschen Soldaten?“

In der Stadt herrschte lebhaftes Treiben, viel memelländische Flaggen, singende Trupps von Arbeitern, die von den Werken am Stadtrand in die Stadt zogen.
Ich machte mich, wie am Vorabend zu dritt nach Althof, zur Chaussee nach Tilsit auf, von Soldaten war nichts zu sehen, nur ein kleiner Trupp memeldeutscher SA kam von Jacken (litauischer Rundfunksender), Klausmühlen her. Leute schmückten Häuser an der Landstraße mir Girlanden, und – Bauernwagen, hoch bepackt mit Koffern, Säcken und kleinem Hausrat, fuhren stadtauswärts. Bauern und ganze Familien, Juden begleiteten die Wagen, sie zogen in Richtung Laugallen zur litauischen Grenze – seit 1422. Das waren wohl die nicht so bemittelten Juden, die reicheren hatten das Memelgebiet weitgehend nach der Aufhebung des Kriegszustandes verlassen.
Es kamen aber keine Soldaten, enttäuscht kehrten wir bei Karlsberg um. Doch in der Stadt sah man Schutzpolizei mit ihren Fahrzeugen und SS-Führer in schwarzen Uniformen – und Menschen auf den Straßen in gespannter Erwartung unterwegs. Im Laufe des Tages hieß es mehrmals im Radio: „Morgen kommt der Führer, über See, von der Kriegsmarine begleitet, nach Memel.“
Am Donnerstag, den 23. März, sind die meisten Memeler zeitig aufgestanden. Um den Führer zu sehen, musste man sich einen guten Platz in den Straßen, durch die erfahren sollte, sichern. Vorgesehen war die Fahrt vom Hafen durch Luisenstraße, Börsenstraße, Libauer Straße, Hindenburg- (Kant-) Platz, von hier zurück zur Börsenstraße, Marktstraße zum Theaterplatz, dort sollte Hitler vom Balkon des Stadttheaters sprechen.

Ich wohnte damals bei den Eltern in der Börsenstraße (Schreibwaren Pohlentz), das Haus hatte einen Anbau mit Flachdach zur Straßenseite, gegenüber dem Alexanderplatz, so stieg ich mit anderen Hausbewohnern auf diesen günstigen Standort, um über die Menschenmauern hinweg mit meiner Leica Fotos zu machen, Dicht gedrängt standen die Leute voller Erwartung in Vierer- Fünferreihen hinter den Absperrseilen der memeldeutschen SA.

Zunächst kamen immer wieder Landungstrupps der Kriegsmarine, lachende Gesichter der Matrosen – wie viele mögen den bitteren Krieg nicht überlebt haben? - und fröhlich winkende Memeler, Junge und Alte, kaum jemand dürfte an dem Tag zu Hause geblieben sein. Das Gedränge auf dem Theaterplatz habe ich nicht gesehen, Fotos zeigen eine Kopf-an-Kopf-Menge, manipulieren konnte man Fotos damals noch nicht. Von den öffentlichen Gebäuden und Privathäusern wehten Hakenkreuzflaggen, Spruchbänder hingen quer über den Straßen, hoch über den Dächern brummten Staffeln der Luftwaffe.
Plötzlich, wie ein Lauffeuer, die Nachricht: „Der Führer kommt hier nicht vorbei, er fährt über die Börsenstraße zum Theaterplatz“. Die Menge eilte zur Kreuzung Börsenstraße, vom Hafen durch die Luisenstraße kommend musste die Kolonne hier zur Börsenbrücke abbiegen. Immer mehr Volksströme zur Ecke Luisenstraße (Robert Schmidts Buchhandlung), hier standen die Menschen nun, mehr als dicht gedrängt, die hinteren Reihen dürften kaum etwas von Hitler gesehen haben.

So war auch ich meinen schönen Beobachtungsstand los, was tun? Mit der Masse zur Ecke Luisenstraße ziehen, dort fotografieren, sinnlos! Ich meine, ich habe in der Wohnung die Ansprache des Führers am Radio gehört, dann aber haben wir uns schnell aufgemacht, durch den neuen Park über die Seilerstraße (heute: Ventos gatvé) zum Preußenkai, „leere“ Hinterstraßen, auf dem Weg zum Kai wenig Zuschauer, nur auf der Hafenbauseite Spalier von Matrosen und memeldeutscher Marine-SA.

Hier fand ich einen guten Platz, nichts engte mich beim Fotografieren ein. Bald kam auch die Kolonne ganz langsam angerollt, eine Reihe von offenen Autos. Die Nummernschilder mit fünfstelligen Zahlen wiesen auf verschiedene preußische Provinzen hin. Hitlers Wagen trug das Kennzeichen IA-148764 (Berlin-Brandenburg), wie meine damals gemachten Fotos zeigen. Es waren also keine Staatskarossen mit besonders niedrigen Nummern, wie heute üblich.
Der Führer und Reichskanzler stand im ersten Wagen rechts neben dem Fahrer, die linke Hand auf der Windschutzscheibe, den rechten Arm zum Gruß typisch abgewinkelt, kein leutseliges Lächeln, den Blick ernst nach vorn gerichtet. Natürlich kann ich mich nicht darauf entsinnen, aber so zeigen ihn meine zwei gemachten Fotos. Heil-Rufe hörte man nicht, aber die Arme der Zuschauer hoben sich zum Deutschen Gruß, ich konnte das nicht, musste doch meine Leica festhalten.

Wie die Fahrt durch die Stadt vor sich ging, ob es Begeisterungsrufe gab, kann ich nicht sagen. Furcht vor einem Attentat gab es anscheinend nicht, natürlich standen in den Begleitfahrzeugen SS-Männer auf Trittbrettern, wie man sie heute nicht mehr kennt, und in
Hitlers Wagen saßen im Fond zwei SS-Offiziere, jedoch Handfeuerwaffen sah man bei den Matrosen im Spalier nicht, die SA-Männer hatten ohnehin keine.
Am Preußenkai lag der Zerstörer Z 12 „Erich Giese“, wo Hitler an Bord ging. „Leinen los“, langsam nahm Z 12 Kurs auf das Memeler Tief. Ob Hitler auf der Brücke stand und auf die Stadt schaute, konnte ich nicht erkennen. Vor den Molen auf der See lag das Panzerschiff „Deutschland“ (später: Schwerer Kreuzer „Lützow“), das wegen seines Tiefganges nicht einlaufen konnte, es übernahm den Führer und dampfte Richtung Westen.

Zurück blieb eine Ansammlung von Kriegsschiffen, wie ich sie nie mehr gesehen habe. Zerstörer und Torpedoboote an den Kais, im alten und neuen Winterhafen Schnellboote und U-Boote in „Päckchen“, so nennt die Marine längsseit Bord an Bord liegende Schiffe, dazu die alten Minensucher aus dem 1. Weltkrieg, die lagen schon unter Dampf, viel Qualm, bald liefen sie aus.
Das war eine Demonstration der Kriegsmarine.

Im Hafengelände wimmelte es von „blauen Jungs“, die mit Barkassen auf ihre Schiffe zurückgebracht wurden. Fotomotive fand ich genug.
Bald kam auch eines der Schiffe des Seedienst Ostpreußen, die „Preußen“ oder die „Hansestadt Danzig“, sie setzten feldgraue Marine-Artilleristen an Land, die suchten in Grüppchen die Stadt auf, begeistert von den Memelern begrüßt. So lud meine Mutter zwei von ihnen zum Kaffee ein, es waren ältere Männer, Reservisten, wir hatten viele Fragen an sie.
Der nächste Morgen brachte den grauen Alltag wieder. Soldaten sah man nicht viel, dafür braune Uniformen der NS-Funktionäre. Sie bevölkerten die Läden, besonders die Textilgeschäfte, hier waren englische Stoffe so gefragt, dass man zeitweilig schließen musste, um Ware aus den Lagern zu holen. Ein Bild, wie der Rundfunk – nicht der deutsche – eine Woche zuvor aus Prag berichtet hatte; wir wollten es nicht glauben, nun sahen wir die Bestätigung.

Doch zu Ausschreitungen, eingeschlagenen Schaufenstern u.ä, war es nirgends gekommen, obwohl die Inhaber der Textilgeschäfte überwiegend Juden waren. Hier ist der Historiker Vygantas Vareikis falsch informiert, wenn er dergleichen in dem Buch „Memel im 20. Jahrhundert“, Klaipeda 1993, litauisch schreibt. Erwähnt sei, dass die Währungsangabe auf Seite 39, 1 Reichsmark gleich 0,75 bis 1 Litas falsch ist. Der Kurs betrug 2,40 Litas für eine 1 Reichsmark, nach dem 23. März wurden die Guthaben im Verhältnis 2 Litas für eine 1 Reichsmark umgestellt, soweit ich mich entsinnen kann.

Die Synagogen wurden wohl am 22. März demoliert, gesehen habe ich aber nichts, auch an dem jüdischen Friedhof vergriff sich niemand. Der wurde in der sowjetlitauischen Ära eliminiert, ebenso der schöne, alte Städtische Friedhof, der Heldenfriedhof in der Plantage wie sämtliche fünf Kirchen, deren Türme sind in dem Panorama vom Sandkrug aus durch meist stilliegende Kräne „ersetzt“. Das Gebäude der Jüdischen Schule in der Kehrwiederstraße, wie ich es 1993 sah, ist auch nicht ein Kulturdenkmal.

Die Umstellung nach den denkwürdigen Tagen des 22. und 23. März vollzog sich in der Verwaltung rasch, auf anderen Gebieten langsamer, doch war sie nicht immer einfach, besonders die Generation unserer Eltern verglich mit der Vorkriegszeit unter Kaiser Wilhelm II.

Ich habe diesen Bericht auf Bitten eines litauischen Historikers geschrieben, darum enthält er manche Hinweise, die alten Memelländern gut bekannt sind. Es ist sehr schweirig, sich nach fast 60 Jahren an manche Einzelheiten zu erinnern, mit haben dabei meine vielen alten Fotos geholfen.

Eines steht aber fest:
Wie ich, sehnte sich die Mehrheit der Memelländer, ob deutsch oder litauisch sprechend, nicht nach den 16 Jahren litauischer Fremdherrschaft zurück. Dazu musste man nicht nationalsozialistisch denken, es genügte, ein Deutscher zu sein.
Niemand ahnte, dass fünf Jahre später die Katastrophe über uns hereinbrechen würde, die Heimat ging verloren. Nun bin ich alt geworden, heimatlos, doch die himmlische Heimat bei Gott kann mir niemand rauben.“
23.3.11 21:25
 
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