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Ich las: Christoph Lindenmeyer: Rebeller, Opfer, Siedler

Die Vertreibung der Salzburger Protestanten

Auf der vierten Einbandseite heißt es:

"Sie wurden direkt von der Feldarbeit geholt und bei jedem Wetter nur mit dem, was sie auf dem Leib hatten, aus dem Land getrieben. Rund 22000 evangelische Salzburger wurden unter der Herrschaft von Erzbischof Firmian 1731 zur Auswanderung gezwungen, und etwa 300 von ihnen gelangtem mit Hilfe der Ausgburger Glaubensbrüder und der Englischen Krone nach Amerika. Dort gründeten sie nahe Savannah in Georgia die Gemeinde Eben Ezer."

"Christoph Lindenmeyer hat das Schicksal der Salzburger Emigranten penibel recheriert und schildert es anhand von Briefen, Tagebüchern und anderen historischen Quellen. Einen großen Anteil davon bilden die Tagebücher des Theologen Boltzius, der als Prediger, Seelsorger, Erzieher und Amtsperson alles zu Papier bringt, was die Emigranten in der kleinen Siedlung widerfährt - so bedrückend die geschlderten Grausamkeiten in Salzburg sind, so faszinierend sind die Berichte aus der neuen Heimat und über die Unterstützung bei der Auswanderung."

Ich erwarb das Buch weil meine Vorfahren mütterlicherseits vertriebene Salzburger Protestanten waren, die nahe des Memelstromes unweit von Tilsit angesiedelt wurden. Über ihr Schicksal hoffte ich mehr zu erfahren. Dies gelang leider überhaupt nicht. Das Buch umfasst zwar 328 Seiten, von denen sich gerade mal 6 mit den Emigranten beschäftigen, die nach Ostpreußen gezogen waren. Es handelt sich um 17.038 Menschen, die bis 1733 in Berlin registriert wurden. Vermutlich waren die Quellen, die den wenigen Emigranten gewidmet sind, die nach Amerika zogen, bequemer zu erreichen und auszuwerten. Der Buchuntertitel "Die Vertreibung der Salzburger Protestanten" ist demnach schwer "gestrunzt" (angeberisch übertrieben).

Einige Zitate sind dennoch recht interessant. So steht auf Seite 40/41:

"Im Jahr 1728 , so erzählen die Salzburger, hatte Pabst Benedict XIII. die offizielle Grußformel für die Bürgerinnen und Bürger in Salzburg vorgeschrieben: "Gelobt sei Jesus Christus!". Wie sollte darauf geantwortet werden? Rom hatte auch dies festgelegt: "Von nun an bis in Ewigkeit!" Wer sich an diesen Standard hält, kommt 200 Tage früher aus dem Fegefeuer. Wer sich der Grußformel verweigert, muss ein Abtrünniger sein, ein Rebell, ein Sektierer. Wer den päbstlichen Gruß auf seinem Sterbebett noch aussprechen kann, erhält sogar einen Ablass von zweitausend Jahren. Das ist großzügig, denn das Fegefuer brennt quälend lange. Da sind solche großzügigen Ablässe willkommen. Der Gruß grenzt ein und grenzt aus. Er unterscheidet die Guten von den Bösen. Die Katholiken von den Protestanten. Die Rechtgläubigen heften Zettel mit dem Gruß an ihre Türen. Wer die Grußformel benutzt, ist einer von uns. Die evangelischen Salzburger aber weigern sich, die vorgeschriebene Formel anzuerkennen.

Fromme Worte als ein Ritual für die Säufer. Die Unruhe im Salzburgischen wächst, als der Fürsterzbischof Jesuiten in sein Land holt. Der neue Herrscher will energisch aufräumen. Zu lange schon weht der Freigeist. Alle wissen, dass Jesuiten bisher ncht einreisen durften. Jetzt sind sie da, und es werden immer mehr. Die meisten einheimischen Priester sind ungebildet, sie sind dumm. Viele leben im Konkubinat. Sie sind geldgierig. Sie werden als Spione des Herrschers wahrgenommen, als Steuereintreiber, als Pfründeinhaber. Alle Einwohner werden verpflichtet, den jesuitischen Bußpredigten zuzuhören.....
Auch so begannen die Verfolgung und Unterdrückung der Evangelischen im Fürsterzbistum. Anzeigen, Denunziationen und Hausdurchsuchungen. Die Priester lassen sich oft von Soldaten und Justizbeamten begleiten. Wenn Bücher entdeckt werden, werden sie beschlagnahmt. Wem sie gehören oder bei wem sie gefunden wurden, erhält eine Geldstrafe oder eine Gefängnisstafe. Buchhbesitzer, Vorleser und Laienprediger werden in Ketten gelegt. Die Bücher werden zerhackt und verbrannt."

Die vertriebenen Protestanten, ingesamt etwa 30.000 innerhalb von einigen Monaten, kommen auf ihrem Zug durch halb Deutschland.

"Die Lage in Augsburg ist dramatisch. Der evangelische Magistrat der Stadt Augsburg beschwert sich beim Kaiser, über die Torsperren (die der katholische Bürgermeister verhängt hat), und über die unverhältnismäßigen Auflagen gegen die Emigranten.... Immer mehr Bürgerinnen und Bürger beweisen ihre Solidarität mit den vertriebenen Salzburgern. Die Kapuziner-Mönche steigen auf die Dachböden ihrer Klöster, um alles genau beobachten zu können. Sogar die katholischen Studenten weinen, als erleben, wie die Emigranten singen und beten. Die Salzburger zeigen sich wie immer diszipliniert und bescheiden. Niemand drängt sich vor.. Wohin sie auch gehen; sie bilden Schlangen. Immer zwei gehen zusammen. Wer Geld oder Sachspenden bekommmt, teilt sie sofort mit den anderen. Es dauert nur wenige Monate, bis sich das Wunder ereignet, von dem alle träumten. Die Staatenlosen werden Bürger der Königreiche England und Preußen. Damit rechnen nicht einmal die Katholiken. Das verändert die Lage radikal. Denn bisher gilt: Solange die Salzburger vor der Stadt einquartiert sind, bleiben die Stadttore für sie verschlossen. Sobald sie abgereist sind, werden die Tore geöffnet. Kommt der nächste Transport, werden die Eingänge wieder versperrt. Die Augsburger bringen kleine Bierfässer zu den Emigranten, Milch für die Kinder und immer wieder Geld. Diese Menschen, die nichts besitzen, bedürfen jeder Hilfe. Die Salzburger sind überwältigt von solcher Zuneigung."

Wie der Autor weiter berichtet, werden die Salzburger in den evangelischen Landen herzlich empfangen und versorgt und weiter auf ihrem Weg begleitet.
Es entsteht, was heute Willkommenskultur genannt wird. Insofern passt dieses Buch ganz gut in unsere Zeit.
12.2.16 13:40
 
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